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Der Grundsatz des Genießens

„Wenn du dem Vergnügen nachjagst, fesselst du dich ans Leiden. Solange du jedoch deiner Gesundheit nicht schadest, genieße unbefangen, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet.“


In diesem Monat betrachten wir, wie wir uns den Vergnügungen, die wir begehren, auf befreiende und befriedigende Weise nähern können - indem wir uns auf minimale Weise einschränken (d.h. "Wenn du deiner Gesundheit nicht schadest, genieße unbefangen"). Später werden wir einen breiteren Ansatz wählen, welche Handlungen "erlaubt" sind (z.B. "Wenn du niemandem schadest, darfst du in Freiheit tun, was immer du willst"). Und wir werden einen Weg entdecken, wie wir unseren Zielen näher kommen, ohne sie zu verfolgen und ohne uns zu fesseln ("Wenn Du allem, was du tust, so nachgehst, als sei es ein Ziel in sich selbst, befreist du dich").


Warum fesselt einen das Verfolgen von Vergnügen ans Leiden? Ist es nicht eine der grundlegendsten Tatsachen aller Lebewesen, dass wir uns vom Schmerz weg und zum Vergnügen hin bewegen? Das scheint eine Frage der Definition zu sein. Und warum sollten wir nicht Vergnügen erlangen und Schmerz vermeiden. Es scheint eine großartige Idee zu sein. Wenn man über den Grundsatz nachdenkt, bemerkt man, dass er nicht besagt, dass Vergnügen schlecht ist oder vermieden werden sollte. Das Prinzip konzentriert sich auch nicht auf den Wert des Vergnügens, dem ich nachgehe. Es sagt nicht, dass diese Vergnügungen "erlaubt" sind, jene aber nicht, außer dass es heißt: "Wenn du deiner Gesundheit nicht schadest, genieße inbefangen..." Später in den nächsten Grundsätzen wird dieser Punkt noch weiter präzisiert, z. B. "Wenn du niemandem schadest..." und "...behandle andere so, wie du behandelt werden möchtest." Aber dieses Prinzip selbst legt den Fokus mehr auf die Annäherung an das Vergnügen, auf die Handlung, d.h. das Streben, als auf das Objekt, dem nachgestrebt wird. Hier scheint es also nicht darum zu gehen, was einen anmacht, sondern darum, wie man sich zu diesem Vergnügen verhält.

Einige Philosophen nennen es das Paradoxon des Hedonismus, das Wikipedia so erklärt: "...ständiges Vergnügensstreben kann auf lange Sicht nicht das größte tatsächliche Vergnügen oder Glück bringen - oder sogar auf kurze Sicht, wenn das bewusste Streben nach Vergnügen mit dem Erleben des Vergnügens kollidiert."

Hier ist Victor Frankls Ansicht zu dieser Idee aus seinem Buch Man's Search for Meaning:

"Glück kann nicht angestrebt werden; es muss sich ergeben, und das tut es nur als unbeabsichtigte Nebenwirkung des persönlichen Einsatzes für eine Sache, die größer ist als man selbst, oder als Nebenprodukt der Hingabe an eine andere Person als die eigene.“

Vergnügen ist und muss ein Nebeneffekt oder Nebenprodukt bleiben und wird in dem Maße zerstört und verdorben, in dem es zum Selbstzweck gemacht wird.

In der Praxis scheinen wir Vergnügen und Glück (und Wunsch und Erfüllung, und Schmerz und Leiden, etc.) zu verwechseln.

Ich denke, wir können uns darauf einigen, dass etwas zu verfolgen nicht bedeutet, ihm zu begegnen oder es zu genießen, sondern es als etwas zu haben, das es zu erreichen oder zu vollenden gilt. Es liegt vor mir, als etwas, das erreicht werden muss, etwas, das mich ruft oder antreibt oder meine Aufmerksamkeit verlangt. Fast per Definition bin ich damit verbunden, davon abhängig oder daran gekettet. Wenn ich es nicht erreiche, bin ich unglücklich oder enttäuscht (im besten Fall). Meine Erwartung ist, dass ich, wenn ich das Objekt meiner Begierde erreiche, glücklich oder (zumindest) zufrieden bin. Aber ist es das, was passiert? Betrachten wir dies als Einladung, es mit der eigenen Erfahrung zu vergleichen.





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