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Das Anwenden der Goldenen Regel von anderen Standpunkten aus



Wenn man sagt: “Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst, durch die Liebe zu Gott”, dann tauchen zumindest zwei Schwierigkeiten auf.

1.- Wir müssen davon ausgehen, dass man Gott lieben kann und annehmen, dass diese “Liebe” menschlich ist, folglich ist der Satz nicht richtig; oder aber wir lieben Gott mit einer Liebe, die nicht menschlich ist, so dass in diesem Fall der Satz ebenfalls falsch wäre und

2.- Man liebt den Nächsten nicht direkt, sondern nur indirekt, mittels der Liebe zu Gott. Doppeltes Problem: Ein Wort, welches die Liebe zu Gott nicht gut beschreibt, soll auf menschliche Gefühle übertragen werden. Von anderen Positionen aus werden Sachen wie diese gesagt: “Wir kämpfen für die Klassensolidarität”, „wir kämpfen aus Solidarität mit den Menschen”, “der Kampf gegen die Ungerechtigkeit, um den Menschen zu befreien”. Da geht es weiter mit den fehlenden Grundlagen: Warum sollte man aus Solidarität oder für die Befreiung anderer kämpfen? Wenn die Solidarität eine Notwendigkeit ist, dann ist sie kein Sachverhalt, den ich wählen kann. In diesem Fall macht es wenig aus, ob ich es tue oder nicht, da es doch nicht von meiner Wahl abhängt. Wenn es jedoch eine Wahl wäre, warum sollte ich diese Möglichkeit wählen? Andere sagen noch ausgefallenere Sachen, wie zum Beispiel: “In der Liebe zum Nächsten verwirklichen wir uns selber”, oder etwa: “Die Liebe zum Nächsten sublimiert den Todesinstinkt”. Was soll man dazu sagen, wenn das Wort “selbst verwirklichen” nicht klar ist, wenn das Ziel nicht aufgezeigt wird, wenn das Wort “sublimieren” Metapher einer mechanistischen Psychologie ist, die heute in jeglicher Hinsicht unzureichend ist? Es fehlt auch nicht an jenen, die noch brutaler predigen: “Man kann nicht außerhalb der gegebenen Rechtsordnung handeln, die geschaffen wurde, uns gegenseitig zu schützen.“ In diesem Fall kann man von

dieser “Rechtsordnung” keine moralische Haltung fordern, die über sie hinausginge. Schließlich sprechen einige von einer zoologischen Naturmoral und wieder andere bezeichnen den Menschen als „rationales Tier“. Dabei geben sie vor, die Moral leite sich eben gerade aus dem Funktionieren der Ratio des besagten Tieres ab.

Für all diese vorangegangen Fälle trifft die Goldene Regel nicht genau zu. Wir stimmen nicht mit ihnen überein, auch wenn sie uns sagen, wir würden, wenn auch mit anderen Worten, von der gleichen Sache sprechen. Wir sprechen ganz sicher nicht von der gleichen Sache. Was haben in den unterschiedlichen Völkern und geschichtlichen Momenten wohl all jene gefühlt, die die Goldene Regel zum moralischen Grundsatz par excellence erhoben haben? Diese einfache Formel, von der sich eine vollständige Moral ableiten lässt, entspringt der einfachen und aufrichtigen menschlichen Tiefe. Durch sie erkennen wir uns in den Anderen wieder. Die Goldene Regel erzwingt kein Verhalten, sie bietet ein Ideal und ein Modell, dem man folgen kann, während man gleichzeitig die Kenntnis über das eigene Leben erweitert. Die Goldene Regel lässt sich auch nicht in ein neues Instrument heuchlerischer Moral verwandeln, was zur Bewertung des Verhaltens anderer benutzt werden könnte. Wenn eine “Moral”-Tafel dazu dient zu kontrollieren, statt zu helfen, zu unterdrücken, statt zu befreien, sollte sie zerbrochen werden. Über jegliche Moral-Tafel hinaus, über die Werte von “Gut“ und “Böse“ hinaus, erhebt sich der Mensch und seine Bestimmung, immer unvollendet und immer wachsend.


Silo, Mendoza, 17/12/95

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