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Gewalt und Angst

Die Gewalt ist die Antwort, die wir geben, wenn die Angst in unsere Seele eindringt. Die Gewalt ist die Antwort auf die Angst, die es in unserem eigenen Bewusstsein gibt. Je größer meine Angst ist, desto gewalttätiger ist mein Verhalten. Je unsicherer die Gesellschaft ist, desto gewalttätiger ist ihre Organisation. An der Wurzel des Leidens liegt die Angst. An der Wurzel der Depression, der Beklemmung, der Sinnleere, an der Wurzel des Egoismus und des Verlangens liegt die Angst – die Angst vor der Krankheit, vor der Einsamkeit, vor der Armut und vor dem Tod.


Begleitet mich in einer kurzen Übung: Beobachtetet in euch selbst Leid bringende Situationen, in denen ihr gerade lebt, z. B. in der Familie, in der Arbeit oder mit dem Partner. Fragt euch jetzt, welche die Angst ist, die diesem Leiden zugrunde liegt. Gut.

Das Bewusstsein versucht, sich vom Leiden zu entfernen und der Angst zu entfliehen. Wenn es etwas Unerträgliches gibt, dann ist es Angst zu erfahren. Das Bewusstsein versucht, sie zu verneinen, sie zu vergessen, es flüchtet vor diesem Erlebnis. Wenn das Bewusstsein die Angst berührt, bemächtigt sich ihrer die Gewalt.

So flüchtet das Bewusstsein vor dieser existentiellen Erfahrung. Unser tägliches Leben hat sich dahingehend verwandelt, vor der eigenen Angst zu flüchten – das eigene Leben zu vergessen, die Sinnleere, in der ich lebe, zu vergessen; es beim Fernsehen zu vergessen, bei den Shows und den Soaps; es zu vergessen, indem ich mich stark fühle, wenn eine Fußballmannschaft gegen eine andere gewinnt; das Leben durch die Drogen und den Alkohol zu vergessen. Je mehr wir versuchen, die Angst zu vergessen, desto stärker wächst sie und mit ihr die Gewalt in unserem Bewusstsein.

Wie besiegt man die Angst, wie befreien wir uns von der Gewalt in unserem eigenen Bewusstsein und wie machen wir die Gesellschaft, in der wir leben, menschlich?

Die Gewalt kann man nicht austilgen, so als ob es sich um ein Krebsgeschwür handeln würde. Man kann sie auch nicht mit noch mehr Gewalt auslöschen. Das haben wir schon seit Tausenden von Jahren getan. Die Gewalt ist ein besonderes Übel: Jede Handlung, die man mit ihrer eigenen Substanz durchführt, lässt sie wachsen. Die Gewalt wächst, indem sie zerstört, und sie erreicht ihre höchste Entwicklungsstufe, wenn sie alles zerstört hat.


Was machen wir also?

Stellt euch vor, wenn ich an einer Seite eines ungeheuerlichen und gewalttätigen Systems eine andere Sache aufbaue, etwas sehr Kleines, aber auf einem anderen System von Beziehungen und Werten aufgebaut, etwas vollständig Verschiedenes, gegründet auf der Menschlichkeit, der Gewaltfreiheit, der Glaubensfreiheit und der Solidarität. Für das ungeheuerliche System wäre es sehr schwierig, etwas zu entdecken, dass außerhalb seines Schemas funktioniert; etwas, das nicht auf der Basis von Macht, Gewalt und Geld funktioniert. Es würde ihm wie eine wundersame Gemeinschaft vorkommen, die keine Gefahr darstellt. Jetzt stellt euch vor, dass dieses kleine Gesellschaftsmodell sich erweitern und im Inneren der Ungeheuerlichkeit selbst wachsen würde. Stellt euch vor, dass dieses Werk im Inneren des ungeheuerlichen Systems wachsen würde, obwohl dieses die Gewalt weiter anwachsen lässt und sich dabei selbst zerstört. Wenn das möglich wäre, könnten wir im Inneren der gewalttätigen Gesellschaft eine Bewegung schaffen, die sich mit relativ großer Geschwindigkeit entwickelt, da es mitten in einem System wächst, das schwächer wird.

Um andererseits mit der persönlichen Gewalt aufzuhören, ist es notwendig, den inneren Glauben in sich wachsen zu lassen - diesen Glauben, diese Kraft im Inneren des Menschen, in dir und in mir. In jedem von uns gibt es etwas sehr Großes, das man nicht sehen kann, weil es von Angst und Leiden verdeckt ist. Wenn wir uns entscheiden, unser Leben zu ändern und den Weg der Gewaltlosigkeit zu gehen, nehmen wir Kontakt mit diesem Großen auf, das im Inneren des Menschen lebt. Dieser innere Glauben, den wir zu Beginn nur schwach wahrnehmen, wächst mit der Zeit und lässt die Gewalt zurückweichen.

Um also die Gewalt zurückzudrängen, müssen wir im Inneren des Menschen und im Inneren der Gesellschaft ein Element wachsen lassen, einen Prozess in Gang setzen, der fähig ist, die sich ausdehnende Welle von Gewalt, die zu Anbeginn der Zeit losgebrochen ist, aufzulösen und umzulenken. Wir müssen im Inneren der Gesellschaft eine gewaltfreie soziale Bewegung wachsen lassen und wir müssen im Inneren des Menschen den Glauben wachsen lassen.

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